Reisebericht 2008

Herzlichen Dank an Renate für den ausführlichen Reisebericht

29.6.08 (Sonntag)

Heute beginnt unsere zehntägige Rundreise durch Bulgarien von der Hauptstadt Sofia zur Schwarzmeerküste und zurück.

Meine alte Internatsfreundin Elena, Gründerin und Vorsitzende der „Bulgarien Initiative Deutschland e.V.“, hat sie organisiert und wird mich am Flughafen Frankfurt treffen.

Mit einem ihr schon bekannten Ehepaar aus Mössingen ist sie dorthin mit dem Zug unterwegs.

Sie hat mir viel von der Heimat ihres Vaters erzählt. Ich bin neugierig auf ein Land im Umbruch zwischen den Altlasten des Kommunismus und der Entwicklung zu einem modernen EU-Staat, auf ein Land voller Geschichten aus der bewegten Vergangenheit und wunderschöner Landschaften.

Ein wenig habe ich schon gelesen und mir die Bilder im Reiseführer angesehen aber so richtig vorstellen kann ich es mir nicht.

Letzte Bedenken schiebe ich zur Seite (Zu wenige Rückzugsmöglichkeiten? Zu viele Stunden im Bus? Schlechte Hotelbetten?...) und freue mich auf Sommer und Sonne, auf neue Eindrücke, auf Unerwartetes, Bereicherndes, auf eine schöne Zeit mit meiner Freundin und netten Mitreisenden.

Ich vertraue auf Elena, die mit Liebe und Verstand ausgesucht hat, was uns “ihr Bulgarien“ und seine Schätze näher bringen soll.

30.6.08 (Montag)

Ja, es ist nach Mittenacht, als wir wegen einer Verspätung des Fliegers im Hotel in Sofia ankommen.

Der Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen zeigt ein bezeichnendes dreiteiliges Bild:

In Sichtweite steht ein sehr schön renovierter Bau aus der Jahrhundertwende mit cremefarbener Fassade, weiß abgesetzt. Davor ist die Rückseite eines heruntergekommenen Wohnblocks zu sehen, schäbig, mit bröckelndem Putz und Fragmenten verfallender Balkone. Direkt unter dem Zimmerfenster ist als Steigerung dann eine schon halb eingefallene Hütte mit Löchern im Dach inmitten von Unrat, alten Brettern und Steinen zu sehen. Ich bin mir sicher, dass hier niemand mehr wohnt, bis ich die Hose sehe, die zum Trocknen auf der Wäscheleine vor der Türe hängt. Ein paar junge Kätzchen spielen hier.

Beim Frühstück lernen wir das zweite Paar kennen, das mit uns reisen wird.

Mit Mariana, unserer Deutsch sprechenden Reiseführerin und „Pepi“, dem Kleinbusfahrer, erreichen wir kurze Zeit später das Zentrum von Sofia, einer “multikulturellen Metropole westlicher Prägung“, wie es im Reiseführer heißt. Am Ende der Straße, die uns dorthin bringt, taucht unvermittelt das Massiv des Vitoscha-Gebirges auf. Sofort bekomme ich Wanderlust.

Schon der Vormittag in der Hauptstadt gleicht einem Schnellkurs in bulgarischer Geschichte. Auf Schritt und Tritt begegnen wir Kyrill und Method, denen die Menschen die hier gebräuchliche Schrift verdanken, neben der lateinischen und der griechischen die dritte amtliche in der EU. Nach einer Weile erahne ich, was die kyrillischen Schriftzeichen bedeuten, die meisten Schilder sind  zumindest in den größeren Städten zweifach beschriftet.

Mariana führt uns zu den interessanten Gebäuden, erzählt, erläutert und weckt unser Interesse an der langen, wechselvollen Geschichte des Landes.

Wir sehen das alte Zarenschloss und den heutigen Amtssitz des Staatspräsidenten, bewacht von Offizieren in den traditionellen weiß-roten Uniformen, an den Kopfbedeckungen Adlerfedern.

Wir sehen das imposante Gebäude der einstigen Parteizentrale der KP, auf dessen Spitze seit der „Wende“ nun die bulgarische Fahne weht. Der schwere rote Stern wurde, als seine Zeit gekommen war, mit einem Hubschrauber abtransportiert.

Wir besuchen die berühmte Alexander Nevski -Kathedrale und bestaunen die goldenen Kuppeln, die in der Sonne glänzen. Auch die Basilika Sveta Sophia sowie die russische Kirche stehen uns offen. Der orthodoxe Glaube spielt eine große Rolle in Bulgarien. Vom Kirchlein Sveti Petka, einem Kleinod aus dem 4.Jahrh, blickt das Gesicht eines Engels von der Kuppel freundlich auf die Besuchergruppe herab.

Lange stehen wir vor dem Ivan-Vasov-Theater, benannt nach dem bulgarischen Nationaldichter. Eines seiner bekanntesten Werke „Unter dem Joch“ (Gemeint ist natürlich die Unterdrückung während der Periode der osmanischen Herrschaft) ist überall zu kaufen, leider zurzeit nicht auf Deutsch. Kunst und Kultur spielen in Sofia eine große Rolle, allein 14 Sprechtheater gibt es hier.

Imposant und goldglänzend wacht die Statue der heiligen Sofia über die Stadt. In ihrer unmittelbaren Nachbarschaft befinden sich eine orthodoxe und eine katholische christliche Kirche, eine Synagoge und eine Moschee. Alles ist möglich.

An einem von Israel errichteten Denkmal für Boris III und seine Frau Giovanna hören wir die Geschichte von der Rettung der bulgarischen Juden vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Der König hatte persönlich dafür Sorge getragen, dass in dieser schlimmen Zeit kein Jude umkam; auch die bulgarische Bevölkerung half mit falschen Papieren und Verstecken auf dem Land. Elena erwähnt den Film „Echelon“ der genau von dieser historischen Begebenheit, auf die die Bulgaren mit Recht stolz sind, handelt.

Das Buch in meinem Reisegepäck „Grandhotel Bulgaria“ passt ebenfalls zu diesem Thema. Als Kind hat die Autorin Angelika Schrobsdorff mit ihrer Mutter von bulgarischen Bauern versteckt den Holocaust überlebt.

Sofia: Ein wenig Wien, ein wenig Rom, viel Charme und Goldglanz, viel Grün und trotz einiger grauer Flecken in der Sommersonne sehr freundlich und einladend. Alt neben neu, fertig neben unfertig, bunte schnell wechselnde Eindrücke in einer mediterran anmutenden Stadt, die Lebendigkeit, nicht aber Hektik ausstrahlt.

Es sind natürlich ganz subjektive Empfindungen, die ich hier wiedergebe.

Es hat sich viel getan in Bulgarien in den letzten Jahren sagen Elena und Mariana, die es ja wissen müssen. Dennoch scheint es mit der baulichen Verbesserung der Stadt nur langsam voran zu gehen. Ob die lobenswerte Behutsamkeit mancher Renovierungsarbeiten auch mit leeren Kassen zu tun hat? Im Vorübergehen macht Elena auf einen Arbeiter aufmerksam, der sich auf einem ausgedienten Plastikstuhl, dem die Beine abgetrennt wurden, zum Werkeln an einer Fassade hochziehen lässt. Mutig? Erfinderisch? Bulgarisch? Wir sind froh, dass die beiden Frauen unsere Fragen verstehen und beantworten können.

Die Reisegruppe, so denke ich beim Abendessen in einem typisch bulgarischen Restaurant, passt gut zusammen. Elena hat noch einige ihrer Freundinnen und Freunde aus Sofia dazu geladen und wir stoßen mit dem guten Mastika auf ihren heutigen 57. Geburtstag an.

1.7.08 (Dienstag)

Wir verlassen Sofia in Richtung Rilagebirge und halten zunächst im Dorf Kotcherinovo an, um die unzähligen Störche zu bewundern, die hier nisten. In jedem Nest sitzen Jungvögel, die Eltern fliegen fleißig hin und her. Es liegt auf der Hauptmigrationsroute der Zugvögel. Hier ist es ländlich, schon etwas kühler als in der Hauptstadt.

Das Rilakloster ist noch eindrucksvoller und ungewöhnlicher als erwartet. Mariana weiß viel zu erzählen von diesem Nationalheiligtum, dem „Bollwerk des Bulgarentums“ in Zeiten der Fremdherrschaft. Wir nehmen uns Zeit, um das Gebäude, das Museum und vor allem die wunderschöne Klosterkirche mit ihren typischen bunten Wandmalereien anzuschauen.

Wieder begegnen wir Boris III, der hier begraben liegt. Seine Frau Giovanna hat sein Grab nur einmal, erst nach der Wende, besuchen können. Während der kommunistischen Diktatur war dieses Grab des letzten bulgarischen Zaren „nicht existent“.

Der nächste Halt auf dem Weg nach Plovdiv ist der Wintersportort Borovets, eine Mischung aus sozialistischer Architektur und amerikanischen Fastfood- Schildern an kleinen Holzhäuschen. Gerne kommen russische Gäste zum Skifahren her, auch Engländer, von denen einige schon eine eigene Immobilien gekauft haben sollen. Jetzt im Sommer ist der Ort gespenstisch leer und unattraktiv.

Wir fahren durch fruchtbare Gebiete an Feldern vorbei, hier werden Kartoffeln und Obst angebaut. Zum ersten Mal sehe ich Rinder auf den Weiden. Das sieht doch schon sehr gut aus. Dennoch: Die Landwirtschaft in Bulgarien steht vor großen Problemen. Noch ist es nicht gelungen, die Folgen der Kollektivierung aufzufangen.

In Plovdiv steigen wir im Hotel „Trimontium“ ab, in dem wir 2 Nächte verbringen werden. Der Name erinnert an die drei Hügel, auf denen die Stadt erbaut wurde.

Auf dem Weg zu einem Restaurant gewinnen wir einen ersten Eindruck von Plovdivs fantastischer Altstadt. Wir sitzen im Garten unter grünen Ranken. Der Mastika behebt sofort eventuelle Reisebeschwerden, auch der bulgarische Wein ist empfehlenswert.

Es wird schwer sein, die vielen Eindrücke dieser Reise zu verarbeiten. Schon jetzt schwirrt mir der Kopf.

2.7.08 (Mittwoch)

Den heutigen Vormittag verbringen wir in Plovdiv, der „heimlichen Hauptstadt“ Bulgariens, einer der ältesten Städte Europas. Das Hotel ist geradezu luxuriös, das Frühstücksbuffet opulent und ich versuche zum ersten Mal die berühmte „Banitsa“, eine Art überbackenen Schafskäseauflauf. Neben „Tarator“, einer kalten Joghurtsuppe, die mit Gurken, Dill und gehackten Walnüssen verfeinert wird ,bald mein für Vegetarier geeignetes Lieblingsessen. Dazu klingen aus den Lautsprechern des Speisesaals die Melodien von „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „Guten Abend, Gute Nacht“, ein perfekter Start in den Tag.

Zunächst steht die Besichtigung der berühmten Altstadt an .Die liebevoll restaurierten zur Zeit der „Wiedergeburt“ entstandenen Kaufmannshäuser im „Plovdiver Barock“ erlauben interessante Einblicke zumindest in die Lebensweise der wohlhabenden Bürger.

Vom alten römischen Amphitheater aus, das erst vor kurzem ausgegraben wurde, hat man eine gute Sicht auf die zweitgrößte Stadt Bulgariens So ist es wirklich: Grüne Flecken, größere und kleinere, Gürtel und Baumalleen zwischen den bebauten Abschnitten.

Bis auf wenige Ausnahmen steht die Architektur in krassem Gegensatz zu den bemerkenswerten Bauten der Altstadt. Dazwischen fließt ein Fluss und wir erkennen von einem der drei Hügel aus eine Fußgängerbrücke, die aus der Ferne aussieht wie ein fahrender Zug. Die Fußgänger laufen zwischen Buden und Marktständen auf die andere Seite der Maritsa und erledigen dabei ihre Einkäufe.

Nun führt unser Weg in die Rhodopen, die „Heimat des Orpheus“. In dieser wunderschönen Gebirgslandschaft begegnen wir auf den schmalen Sträßchen zum Glück nur wenigen Autos.

Das Kloster Batschkovo ist nicht weniger beeindruckend wenn auch deutlich kleiner als das Rilakloster. Wir werden in den ehemaligen Speisesaal der Mönche geführt und dürfen an der Original-Marmortafel aus dem 13.Jahrhundert Platz nehmen (Hier saß schon Roman Herzog mit Rita Süßmuth…).In englischer Sprache erhalten wir Erläuterungen zu den Wandmalereien, die ebenso wie die in der Klosterkirche zu den bedeutendsten Kunstwerken der Wiedergeburtsperiode zählen .Diese Zeit bezeichnet die Phase der Besinnung der Bulgaren auf eigene nationale Werte und gilt als Wegbereiter für den ersten Aufstand gegen die türkischen Besatzer. Einprägsam sind die bunten Szenen vom „Jüngsten Gericht“. Paradies und Hölle sind plastisch und drastisch dargestellt, ähnliche Szenen werden uns noch öfters begegnen.

Die klösterliche Kreuzkuppelkirche beherbergt eine aus Georgien stammende wundertätige Ikone der Jungfrau Maria aus dem 14.Jahrhundert.Ihr Anblick ist durchaus bewegend. Kurz vor der lang ersehnten Freilassung der in Libyen zu Unrecht unter Anklage gestellten und inhaftierten bulgarischen Krankenschwestern war Maria auf dem silbernen Bild vor einigen Monaten um Hilfe angerufen worden.

Viele Kerzen werden in all den russisch-orthodoxen Kirchen angezündet, Rituale sind wichtig. Inzwischen macht man sich Sorgen um den Erhalt der Malereien, denn der Ruß schwärzt die Wände. Pragmatisch geht es aber auch oft zu: Für Besucherinnen in ärmellosen Sonnentops, keineswegs nur Touristinnen, liegen am Kircheneingang Umhänge bereit.

Am Ausgang der Klosteranlage befindet sich ein kleiner Markt. Wir decken uns ein mit Mitbringseln, die hier preiswert und von guter Qualität sein sollen: Honig in allen Varianten, Produkte aus Feigen, Beeren und Kräutern.

In einem kleinen Imbiss im Freien (Restaurant würde ich es nicht nennen), essen wir köstliche gegrillte Forellen. Mariana hat wie immer vorbestellt. Dann klappt es besser, meint sie.

Pepi und ich füttern diskret die Katzen unter dem Tisch mit Fischköpfen. Er hat angefangen.

Abends sitzen wir in einem „echt bulgarischen Restaurant“, das erst vor kurzem wohl in erster Linie für ausländische Gäste eröffnet hat. Zum landestypischen Essen gibt es Vorführungen bulgarischer Volkstänze, sehr engagiert und virtuos dargeboten von 8 jungen Tänzerinnen und Tänzern in wechselnden landestypischen Trachten. Das helle Juchzen der Mädchen gehört dazu. Der hier übliche Dudelsack wird gespielt, er begleitet einen Sänger, der mit sehr klarer Stimme schwermütige Lieder zum Besten gibt. Ein Höhepunkt ist der Auftritt einer Künstlerin, die mit einer besonderen Stimmtechnik eines der alten in den Rhodopen entstandenen Lieder vorträgt. Es ist ein ganz ungewöhnliches Hörerlebnis. Entstanden sei diese Art zu singen, als es in den Zeiten der Besetzung durch die Türken den Menschen in den Bergen verboten war, sich zu treffen. So habe man von Berg zu Berg gesanglich kommuniziert, so Elena.

Alle sind zum Mitmachen beim abschließenden traditionellen Horo- Tanz eingeladen. Nur Elena und Mariana trauen sich, kein Wunder, sie können es ja. So ganz einfach ist die Schrittfolge nämlich nicht.

3.7.08 (Donnerstag)

Unsere nächste Station wird Varna sein, wir fahren von der zweit- zur drittgrößten Stadt Bulgariens und zwar durch die ganz lange „Thrakische Tiefebene“.

Der Bus ist gottlob komfortabel.

Schon früh haben wir das Hotel verlassen und Mariana bittet mich, passend zur Reiseroute zur Unterhaltung der Gruppe Legenden aus einem kleinen Büchlein vorzulesen.

„Mawrud- woher der Wein seinen Namen bekam“ und „Kamtija- woher der Fluss seinen Namen bekam“. Beide Legenden handeln von der Liebe, aus ihnen spricht aber auch der große Zorn der Bulgaren auf die Türken, das unendliche Trauma der langen Fremdherrschaft. Diese und der im Jahre 1878 siegreich beendete Kampf der Bulgaren gegen sie scheinen im Geschichtsbewusstsein aller Bulgaren stets präsent zu sein, mehr als alles, was danach kam.

Unterwegs halten wir an und kaufen an einem Straßenstand köstliches Obst: Pfirsiche, Aprikosen und winzige aromatische Birnen und genießen den Geschmack der reif geernteten Früchte. Immer wieder geht es vorbei an Feldern von Sonnenblumen, die in voller Blüte stehen.

Wir erreichen endlich das Schwarze Meer und fahren an den Bettenburgen der „Goldküste“ vorbei, hier boomt der Tourismus zwischen Pools und Spielsalons. Sogar einen Sexshop habe ich gesichtet. „Das Grauen hat einen Namen“, kommentiert Elena, aber auch sie gönnt der bulgarischen Wirtschaft jede Möglichkeit eines Aufschwungs. Hier weiß man, was man hat.

In Nessebar dagegen bin ich mir dessen nicht so sicher. Das alte Städtchen auf einer schmalen Felsenhalbinsel steht sicher zu Recht unter dem Schutz der UNESCO. Die kleinen Holzhäuser stammen allesamt aus dem 19. Jahrhundert, darüber hinaus gibt es mehrere sehenswerte Kirchenbauten, teils aus der frühchristlichen Zeit. Der Blick aufs Meer könnte schön sein, doch der Rummel zwischen Souvenirläden und Cafes ist fast unerträglich. In meinem Reiseführer wird der Ort boshaft als „das bulgarische Disneyland“ bezeichnet. Er ist überaus laut und schrill. Elena und ich möchten etwas essen aber es gibt nur Stände der bekannten Fastfoodketten mit Gummipizza .Zum zweiten Mal auf dieser Reise stillen wir unseren Hunger mit ein paar Erdnüssen.

Mariana kann unsere Vorbehalte nachvollziehen. Eine Diskussion über den Abbau der Stände habe es schon einmal gegeben, der Bürgermeister des Städtchens setze sich aber für die Bürger von Nessebar ein, die auf ihren Verdienst in den Sommermonaten angewiesen seien.

Elena hält es für möglich, dass hier Korruption im Spiel sein könnte, so wie man sie in Bulgarien ihrer Erfahrung nach immer noch manchmal antrifft.

Leider sehen wir nicht viel von Varna, es scheint eine sehr schöne Stadt zu sein. Wir checken im Hotel „Odessos“ ein, einem Bau mit echt sozialistischem Charme, und beeilen uns durch den „Meerespark“, eine Grünanlage am Meer, zum Strand zu kommen. Dort genießen wir die Abendsonne und einen Strandspaziergang im warmen Sand.

4.7.08 (Freitag)

Am Morgen erwartet uns eine besondere Überraschung: Der Speisesaal des Hotels ist geschlossen, das Frühstücksbuffet abgeschafft worden, weil, wie man Mariana erklärt hatte, zu viele Touristen sich ganze Tagesrationen mitgenommenen hätten. Sogar ihre mitgebrachten Thermoskannen hätten sie an den Kaffeeautomaten vollgefüllt. Das rechnet sich natürlich nicht und wir werden mit einem „Voucher“, der uns als Hotelgäste ausweist, im Café an der Ecke bedient. Wir amüsieren uns darüber, dass wir nun anhand von vorgelegten Buntfotos unsere Wunschteller bestellen können.

Bevor wir Varna verlassen, besichtigen wir noch den Hafen. Dann fahren wir, jetzt oberhalb des Balkans, in westlicher Richtung weiter, der geographische Wendepunkt unserer Reise ist erreicht.

Sensationell finde ich das im 8.Jahrhundert in den Fels gehauene Bildnis eines bulgarischen Reiters in Madara. Überlebensgroß ist er dargestellt, im Kampf mit einem Löwen, der möglicherweise den Byzantinischen Kaiser symbolisieren soll .Auch diese Sehenswürdigkeit wurde zu einem Teil des UNESCO-Weltkulturerbes erklärt. Ihre Abbildung wird ab voraussichtlich 2009 die Rückseite der dann eingeführten bulgarischen 1 €- Münze zieren. Dafür hat sich die Bevölkerung in einer groß angelegten Abstimmungsaktion entschieden.

In Schumen besichtigen wir eine Moschee und fühlen uns herzlich willkommen .Der Muezzin ruft, es ist keine Tonkonserve, und die Gläubigen versammeln sich an einem kleinen Brunnen im Innenhof zu ihren Waschungen. Das Bauwerk wird zurzeit renoviert, die Kosten übernimmt der Sultan von Oman. Etwa ein Drittel der Einwohner dieser Stadt sind türkischer Herkunft und muslimischen Glaubens. Es gibt einige wenige Städte in Bulgarien in denen der Anteil der „Überbleibsel“ aus der Periode der osmanischen Herrschaft sogar noch höher ist. Die Türken, so Mariana, seien gut integriert. Seit der „Wende“ dürfen sie ihre Muttersprache wieder pflegen. Vorher sollten sie sogar gezwungen werden, ihre türkischen Namen zugunsten bulgarischer aufzugeben.

Schlecht integriert in die bulgarische Gesellschaft sind dagegen, wie wir immer wieder erfahren, die Roma, die einen spürbaren Anteil der bulgarischen Bevölkerung ausmachen.

Zum ersten Mal meutert die Reisegruppe: Ein Mittagsmahl in einer eisig temperierten, plastikverkleideten und mit unsäglicher Musik beschallten Autobahnraststätte kommt nicht infrage, wir sind doch nicht in Amerika. Wir fahren also weiter und sitzen kurze Zeit später entspannt im Garten einer kleinen Gaststätte bei Bohnensuppe und Tarator. Mariana und Pepi entscheiden sich für Kutteln, die in Bulgarien oft und gerne gegessen werden und sehen nun ebenso wie wir sehr zufrieden aus.

Vorher füttere ich noch einen kleinen, struppigen Hund mit einem Butterkeks. Sie sind überall: Große, kleine, helle, dunkle, mit kurzem oder langem Fell, meist einzeln, immer dünn, manche krank, und ich muss mich oft zwingen, nicht hinzusehen. Immerhin gehören die Hunde die wir sehen nicht zu den 40.000 Opfern einer staatlich verordneten Tötungsaktion vor einigen Jahren. (Info aus meinem HB-Reiseführer).Manche tragen sogar ein auffallendes Märkchen am Ohr, d.h. sie wurden kastriert und dort wieder ausgesetzt, wo man sie gefunden hatte. Sie dienten, so Ilja Trojanow in seinem von uns viel diskutierten Buch „Hundezeiten“, als Statussymbole in der Phase des ersten vermeintlichen wirtschaftlichen Aufschwungs in Bulgarien und wurden, als die Zeiten wieder schlechter wurden, auf die Straßen gesetzt.

Den Hunden, die jemandem gehören, geht es oft kaum besser. An kurzen Stricken oder Ketten festgebunden fristen sie ihr kümmerliches Leben.

In Sofia und Varna habe ich einige Rassehunde gesehen, die von ihren Besitzern an der Leine durch den Park geführt wurden. Sie wissen genau, dass sie etwas Besonderes sind. 

Später in Arbanassi, einem kleinen Museumsdorf, besichtigen wir das repräsentative Haus eines reichen, handeltreibenden Bürgers. Es ist gesichert wie eine Festung. Immer wieder erlebten die Menschen hier Überfälle und Plünderungen durch die„Kadzeli“, Trupps aus von der türkischen Armee entlaufenen Soldaten. Sogar eine für die damalige Zeit unübliche Indoor- Toilette wurde eingerichtet, um den gefürchteten Osmanen nicht auch noch zu einem gänzlich unpassenden Zeitpunkt wehrlos in die Hände zu fallen.

In der von außen kaum zu erkennenden  kleinen Kirche „Christi Geburt“ erwarten uns wieder fantastische Wandmalereien. Das „Rad des Lebens“ zeigt eindrucksvoll den Kreis zwischen Geburt und Tod. Mit aller Macht versucht der Mensch die Zeit der zweiten Lebenshälfte anzuhalten, vergeblich.

Schließlich erreichen wir das malerische Veliko Târnovo, die denkmalgeschützte Stadt mit der einmaligen Lage. Zwischen Hügeln, an Felshängen sind die Häuser übereinander in mehreren Schichten an den Felswänden aufgehängt. Nach alten Unterlagen wieder aufgebaut wurde der„Zarenhügel“. Von hier aus eröffnet sich ein wundervoller Ausblick auf die ruhmreiche Stadt. Ganz klein sieht das Flüsschen Jantra von oben aus. An seinen Ufern scheinen Millionen von Fröschen zu wohnen, die uns in der ersten Nacht im Hotel Gurko kaum schlafen lassen.

5.7.08 (Samstag)

Nach dem Frühstück brechen wir auf, um im Dorf Gorski Senovets ein Kinderheim zu besuchen, in dem etwa 50 Kinder mit allen möglichen Behinderungen leben. Elena pflegt seit Jahren unterstützenden Kontakt zu der Leiterin des Heims, der sympathischen Frau Bistra Boteva, die uns herzlich empfängt und bewirtet. Wir glauben, dass sie sich über unser Interesse an ihrer Arbeit freut und stellen unzählige Fragen .Mariana übersetzt hin und her. Einige Kinder kennen Elena, die mehrmals im Jahr zu Besuch kommt, und stürzen sich förmlich auf sie. Auch zu uns nehmen sie freundlichen Kontakt auf.

Zunächst werden wir im Gebäude herumgeführt, es liegt schön in einem großen Garten. Neben unterschiedlichen Wohn- und Schlafräumen gibt es Gruppen- und Therapieräume und verschiedene pädagogisch sinnvolle Freizeitangebote für die Kinder, sogar ein Klavier, auf dem ein Junge uns auf unseren Wunsch etwas vorspielt.

Tagsüber besuchen die Kinder, die dazu in der Lage sind, entsprechende öffentliche Schulen in der Nähe.

Auch die schwerst geistig behinderten Kinder werden, soweit wir dies beurteilen können, gut betreut.

Dies ist, so Elena, eine Art „Vorzeigeheim“. Nicht überall in Bulgarien werden Heimkinder so gut versorgt. Es muss ein langer Weg gewesen sein, diesen Standard zu erreichen und es ist sicher nicht leicht, ihn zu halten. Frau Boteva, eine studierte Sozialpädagogin, verdient unseren ganzen Respekt. 

Wenn die Kinder das 18. Lebensjahr erreichen, müssen sie das Heim verlassen. Was, wenn sie noch zur Schule gehen wollen, eine Ausbildung oder ein Studium beginnen wollen? Dieser Jugendlichen hat sich Elena in ihrem „persönlichen“ Projekt angenommen und schon vor über 10 Jahren eine Villa in der Stadt Veliko Târnovo angemietet, in der einige dieser Mädchen und Jungen in betreuten Wohngruppen leben, bis sie auf eigenen Füßen stehen können. Zurzeit, es sind Ferien, wird das Gebäude renoviert. Bei minus 22 Grad waren im letzten Winter die Wasserleitungen geplatzt, der Schaden war so groß, dass das ganze Haus erst einmal geräumt werden musste. Mitte September sollen die Kinder wieder einziehen können in“ DAS HAUS.“

Valentin, ein ehemaliger Zögling und heute gelernter Bibliothekar, trifft uns der Baustelle. Immerhin, alle Leitungen liegen schon. Elena ist zuversichtlich.

In sieben Wochen wird sie wieder hier sein, um mit einer „Brigade“ deutscher und bulgarischer Jugendlicher das Gelände hinter dem Haus zu roden und anzulegen. Sie weiß, dass sie ihren bisherigen Erfolg (Hut ab, Elena!) ihrer Eigeninitiative, ihrer kompromisslosen Beharrlichkeit und ihrem Ideenreichtum verdankt.

Unterstützt wird sie dabei von dem Verein „Bulgarien Initiative Deutschland e.V.“ und verschiedenen Großspendern wie z.B. „Sternstunden e.V.“ oder „Software AG Stiftung Darmstadt.“. (Nähere Informationen zu den einzelnen Projekten unter: http://www.bidev-haus.de)

Zum Mittagessen besuchen wir ganz privat Elenas Verwandtschaft. Also…die Schwiegermutter der Tochter ihres Cousins, die Tochter ihres Cousins und deren beide Töchter, zwei Mädchen im Teenageralter…alles klar?

In einem Häuschen im Dorf inmitten eines großen Obst- und Gemüsegartens fühlen wir uns ganz herzlich willkommen und werden verwöhnt, mit Rakia, Banitsa, einer Art Buchteln mit Quittensoße und Wassermelone. Die Unterhaltung ist lebhaft und trotz sprachlicher Hürden erfahren wir einiges über die Familie z.B. dass der Schwiegervater (der Tochter des Cousins…) seit Februar in der Toskana auf seine alten Tage im Weinbau arbeitet.

Zum Abschied stellen wir uns neben einem üppigen Blumenbeet zu einem gemeinsamen Foto auf und bekommen noch frisch gepflückte, sonnenreife Tomaten aus dem Garten geschenkt.

Auch am Abend des heutigen Tages geht es eher privat zu: Wir besuchen ein pensioniertes älteres Paar in Arbanassi, das auf Bestellung für Gäste kocht. In ihrem Häuschen hat die etwas Deutsch sprechende ehemalige Direktorin eines Gymnasiums Fremdenzimmer eingerichtet, als Zubrot für sie und ihren Mann, der fleißig in dem traumhaft schönen Garten werkelt, während wir einen Gang nach dem anderen und schließlich Tee aus eigenen Kräutern serviert bekommen.

6.7.08 (Sonntag)

Bevor wir mit Bedauern das wunderschöne Veliko Târnovo verlassen, bummeln wir durch die dort bekannte „Handwerkerstraße“.

Bei Dryanovo besuchen wir ein weiteres kleines Kloster, im malerischen Felsental von Drjanovo gelegen .Hier treffen wir auf überwiegend einheimische Besucher. Auf dem Parkplatz steht ein alter Bus, an dem zumindest äußerlich so gut wie nichts mehr heil ist. Aber er scheint noch zu fahren. Welch ein Gegensatz zu unserem komfortablen klimatisierten Luxus-Neunsitzer-Opelminibus von „Tandem-Tours“, den Pepi so souverän durch enge Gässchen steuert.

Elena verwarnt auch hier aufdringlich bettelnde Roma- Kinder. Sie sind erstaunt, dass unter den „Touristinnen“ eine ist, die ihre Sprache spricht und wenden sich schnell ab. Mit Almosen ist Hilfe hier nicht sinnvoll zu leisten.

Im „Stara Planina“, dem „alten Gebirge“ schlängelt sich der kleine Bus über holprige, schmale, kurvige Bergsträßchen durch die „Schluchten des Balkans“, wie Mariana sie nennt. Ob es hier noch Bären gibt? Die Dressur von Tanzbären ist seit 1992 offiziell verboten.

Die Landschaft ist herrlich grün und bis auf einen ganz kurzen aber willkommenen Regenschauer in Veliko Târnovo haben wir auf unserem bisherigen Weg jeden Tag sonniges aber nie zu heißes Wetter gehabt.

Im Städtchen Tryavna, zu erkennen an seinem Uhrenturm, besuchen wir das Museum für Holzschnitzerei .Darin sind neben sehr filigranen Arbeiten auch ganze Räume mit den traditionell und kunstvoll geschnitzten Zimmerdecken zu bewundern.

Den nächsten Halt machen wir im „Etera“-Freilichtmuseum. Ganz im Stil eines alten Dorfes werden hier die traditionellen bulgarischen Handwerkskünste gezeigt, die früh schon sehr gut entwickelt waren. Die einzelnen Werkstätten beziehen ihre Energie wie früher durch Wasserkraft aus dem zwischen den Häuschen hin fließenden Bach. Es gibt neben vielem anderen eine Teppichwäscherei, eine Gerberei, eine Schmiede und eine Wagnerei.

Das einzige Souvenir meiner Reise kaufe ich hier: Ein kleines aber sehr scharfes Klapptaschenmesser mit Horngriff, hübsch gearbeitet und hoffentlich praktisch.

In der Stadt Gabrovo, unserer nächsten Station, wohnen die bulgarischen Schotten. Witze über ihre Sparsamkeit füllen ganze Bücher. Mariana gibt einige zum Besten

Aber auch aus einem anderen Grund hat diese Stadt einen gewissen Bekanntheitsgrad: Hier wurde im Jahr 1840 die erste weltliche Schule Bulgariens eröffnet.

Milena, eine Studienkollegin Marianas, die hier wohnt, führt uns herum und lässt es sich nicht nehmen, uns zu einer Erfrischung in einem Cafe einzuladen. Immer wieder erleben wir Zeichen der hier selbstverständlichen großen Gastfreundschaft und fühlen uns geehrt.

Die Nacht verbringen wir in dem Bergdorf Kmetovtsi in einer kleinen Hotelanlage im Folklorelook. Nach dem Abendessen wechseln wir ein paar Worte mit Teilnehmern einer deutschen Gruppe von „Wikinger- Reisen“. Sie äußern sich begeistert über die Wandermöglichkeiten in der ursprünglichen Natur und das angenehme Klima. Ich kann mir gut vorstellen, dass in dieser Branche des Tourismus eine Alternative zum Urlaub an der Schwarzmeerküste liegt.

(Das nächste Mal bitte einen Extratag einplanen!)

Noch ein paar Tanzschritte nach dem Essen. Mariana hat ihre eigenen CDs aus dem Bus geholt und bemüht sich, uns nun endlich die Schrittfolgen eines Horo genau zu erklären. So richtig locker werden wir nicht, da ist immer diese eine kleine unerwartete Verzögerung im Takt, während der man nicht weiß, wohin mit dem Bein. Nicht einmal der Rakia, wie üblich zu bestellen in 100 oder 200 g-Portionen, hilft dabei.

7.7.08 (Montag)

Ich werde geweckt von Pferdegetrappel und sehe unter dem Fenster ein Wägelchen, das von einem bestenfalls 9-jährigen Romajungen sicher gelenkt wird, erst vorbeifahren und dann ganz eng wenden. Bewundernswert! Ich denke daran, was Elena erzählt hat: In Bulgarien gibt es Jungen, die in diesem Alter wegen kleinerer Diebstähle inhaftiert sind.

Das Pferdchen ist grazil aber nicht mager, sein Fell glänzt. Die Nutztiere haben wohl einen besseren Stand als Hunde und Katzen. Öfters sehen wir von Stuten gezogene Pferdewägelchen mit einem ganz jungen Fohlen als Beipferd.

Die Reise geht weiter. Oben auf dem Schipka-Pass wurde der Freiheitskampf 1877 unter dramatischen Umständen trotz der Übermacht der Türken zugunsten der bulgarischen Soldaten entschieden.6000 Bulgaren, Russen und Finnen hielten von dieser Stelle aus dem Angriff von 30000 Türken stand. Ein riesengroßes Mahnmal erinnert an den schrecklichen Kampf, der den „Anfang vom Ende der osmanischen Fremdherrschaft markiert. Leider haben wir keine Zeit, die ca. 1000 Treppenstufen herauf zu steigen, um es genauer in Augenschein zu nehmen.

Dafür verbringen wir ausreichend Zeit in der wunderschönen russischen Gedächtniskirche bei Schipka („Schipka“ heißt übrigens Hagebutte), die dem Andenken der bei der Schlacht gefallenen russischen Soldaten gewidmet ist. Wie bei ihren Schwestern glänzen ihre mit Gold belegten Kuppeln, ihre 17 Glocken sind im ganzen Rosental zu hören. Sie ist das Lebenswerk der Mutter eines gefallenen jungen Helden.

Mariana erwähnt noch eine Kuriosität aus Schipka. In dem Städtchen haben sich seit einigen Jahren ein paar japanische Paare im Rentenalter angesiedelt, die sich in Bulgarien sehr wohl fühlen mit mehr Platz zum Wohnen und niedrigeren Lebenshaltungskosten als in ihrer Heimat.

Schade, dass die Zeit der Rosenernte vorbei ist. Aber auch ohne die im Frühsommer abgeernteten Blüten der Damaszenerrosen ist der Anblick des Rosentals erhebend. Über hundert km ziehen sich die Anpflanzungen der aus dem Orient importierten ölhaltigen Sorte hin. Nur aus ihr kann Rosenöl, das weltweit zur Parfumherstellung benötigt wird, gewonnen werden. Mit Rosenöl oder –wasser werden hier in dieser klimatisch so günstigen Hochebene des Balkangebirges aber auch verschiedene andere Produkte hergestellt, z.B. Cremes und Seifen oder Likör.

In der Rosenstadt Kazanlak, die wir durchfahren, findet jährlich im Juni das weltbekannte Rosenfest statt, wir sind zu spät. Beim Besuch eines Destillierbetriebes sitzen wir später beim Mittagessen aber doch in einem bunt blühenden Rosengarten und atmen einen Hauch Duft ein. Dieser kommt aber, wie wir später feststellen, aus dem trockenen Flussbett hinter dem Betrieb. Bräunliche Haufen von dort als Abfall deponierten Resten der Blütenblätter nach der Destillation verströmen immer noch den typischen und einzigartigen frischen Duft der Damaszenerrose.

Unvergesslich wird mir der Besuch des Thrakischen Grabmals aus dem 14.Jahrhundert v.Chr. bleiben. Es wurde im Jahr1944 hier in der Nähe von Kazanlak zufällig von Soldaten entdeckt, die einen Bunker ausheben wollten. Heute ist eine originalgetreue Kopie der eindrucksvoll ausgemalten Kammer mit ihrer Kuppel ein paar Meter weiter Besuchern aus aller Welt zugänglich. Das Original steht unter UNESCO- Schutz und darf nicht betreten werden.

Im Jahr 2004 wurde ebenfalls hier die goldene Maske eines Thrakischen Herrschers ausgegraben, eine archäologische Sensation.

Die faszinierende Kultur der Thraker gibt den Historikern heute noch einige Rätsel auf.

Von Kazanlak geht es weiter auf der Balkanstraße in Richtung Hauptstadt. In Sichtweite glänzen auf den Bergspitzen Schneefelder, das größte auf dem „Botev“, der mit 2376 m die höchste Erhebung des Balkangebirges ist.

Der Kleinbus fährt an blühenden Lavendelfeldern vorbei, bis wir in dem Städtchen Karlovo ankommen. Hier wurde der legendäre Nationalheld Vassil Levski geboren und vieles erinnert an ihn. Er spielte eine tragende Rolle im Freiheitskampf der Bulgaren und wurde noch als junger Mann 1873 in Sofia von den Türken öffentlich erhängt. Das Denkmal an der Hinrichtungsstelle des allgegenwärtigen Volkshelden haben wir in der Hauptstadt gesehen.

Der nächste Halt ist Sopot, Geburtsort Ivan Vasovs, des Nationaldichters.

In Koprivstitsa, einladend und gepflegt als Dorfmuseum hergerichtet, wurde einst das Startsignal zum Aufstand von 1876 gegeben. War es hier, wo der junge Held vor aus der Hintertüre seines Elternhauses fliehen musste? Am Brückchen erschoss er einen ersten Türken und es gelang ihm, die Kunde vom nun beginnenden Aufstand in die umliegenden Dörfer zu bringen.

Sorgfältig restaurierte Wiedergeburtshäuser z.B. das „Oslekov-Haus“ erlauben weitere Einblicke in das damalige Leben der Einwohner. Hier unter bürgerlichem Schutz sollen Kleidungsstücke für die Aufständischen gefertigt worden sein.

Die sparsame Möblierung der Räume, die die kunstvollen Holzverkleidungen von Decken und Wänden unterstreicht, dazu die kräftigen Farben der Textilien gefallen mir außerordentlich gut.

Im Kirchlein um die Ecke singt der Pope für uns in Shorts und Badelatschen .Mariana kannte ihn und hat ihn darum gebeten. Schon einmal hat sie seine schöne Stimme begeistert. Erst zierte er sich, er habe Urlaub, sei nicht im Dienst, dann ließ er sich doch von ihr überreden.

Spät am Abend erreichen wir in Sofia wieder das Hotel „Renaissance“, den Ausgangspunkt unserer Rundreise durch Bulgarien. Elena und ich haben Glück, unser Zimmer ist diesmal großzügig und luxuriös. Die Reisegruppe trifft sich zum letzten gemeinsamen Abendessen im Hotelrestaurant. Mariana und Pepi schlafen in ihrem jeweiligen Zuhause und werden uns erst morgen, an unserem Abschiedstag, wieder treffen.

8.7.08  (Dienstag)

Leider ist die berühmte“ Maske“ zurzeit auf Weltreise und nicht im Archäologischen Museum in Sofia zu sehen, das wir gleich am nächsten Morgen ansteuern. Es gibt aber neben unzähligen Exponaten aus anderen Epochen noch genug andere Kultgeräte und Schmuckstücke der Thraker. Die Mengen von purem Gold haben es mir einfach angetan.

Nach den etwas kühleren Tagen in den Bergen empfinden wir Sofia als sommerlich warm, die Zeit im Museum brauchen wir zum Akklimatisieren.

Vor der Abfahrt zum Flughafen bleibt nicht mehr allzu viel Zeit. Wir entscheiden uns für die Besichtigung der Synagoge, der größten der sephardischen Juden in Europa. Seit 1909 steht sie hier, etwas angeschlagen sieht sie aus aber wir werden freundlich empfangen und aufgefordert, uns in Ruhe umzusehen. Mich spricht dieses wunderbar schlichte Gebäude mehr an als die Pracht mancher Kirche und ein paar stille Augenblicke vor dem Ende dieser so kurzweiligen Reise tun gut.

Wieso war ich überrascht, dass Bugarien so schön und vielseitig ist? Was hatte ich mir denn vorgestellt? Eigentlich nichts, und das, so sagt Elena, sei typisch für viele Besucher. In den Köpfen vieler Menschen gehört dieses Land nicht einmal wirklich zu Europa, liegt irgendwo, und irgendwie haben die Leute dort viele ungelöste Probleme.

Letzteres mag stimmen. Elena und Mariana lieben dieses Land nicht unkritisch. Durch sie haben wir Reisenden vieles erfahren, was uns sonst verborgen oder unverständlich geblieben wäre. Wir haben ihre Ungeduld erlebt mit Menschen, die sich untätig in ihr Schicksal fügen. Wir haben auch erlebt, wie kleine Impulse Großes bewirken können in diesem wunderschönen Land, einem von Europas Stiefkindern. Mehr als einige Veränderungen sind nötig, keine Frage.

Als liebenswert und verkannt, vielseitig und bunt aber auch als mit Härten und Ungerechtigkeiten behaftetes Land werde ich Bulgarien in Erinnerung behalten.

Seine weitere politische, wirtschaftliche und sozialpolitische Entwicklung als Mitgliedstaat der EU werde ich nun gespannt verfolgen, hoffnungsvoll und mit den besten Wünschen für eine lang verdiente glückliche Zukunft der Bulgaren und ihres Landes.

Mariana hat schon einen Anschlussauftrag. Am Abend wird sie die Umweltministerin von Baden-Württemberg empfangen, die mit einer Delegation anreist, um in Sofia einen fachlichen Austausch in Umweltschutzfragen, z.B. für Kläranlagen, anzuregen.

Aber vorher muss sie uns noch verabschieden, ihre „Problemgruppe“, wie wir uns scherzhaft aber grundlos nennen. Auf dem Weg zum Flughafen erfahren wir von Pepi, dass wir auf unserer Rundreise durch Bulgarien mit dem kleinen Bus 1750 km zurückgelegt haben!

Mein Dank für diese ganz besondere und rundum gelungene Reise geht an Elena, an Mariana, Pepi und die netten Mitreisenden.

Renate Pebalka- Stenzel,